Galerie- und Künstlerhaus Spiekeroog

Dramatische Inszenierung vor beeindruckender Strandkulisse

Theatergruppe „Das letzte Kleinod“ zeigt den „Untergang der Johanne“ unter freiem Himmel


   

Kurze Zeit ist Stille, dann applaudieren die über 250 Zuschauer am Strand vom Spiekeroog laut und zeigen ihre Begeisterung für eine außergewöhnliche Leistung einer ganz besonderen Theatergruppe: Die Inszenierung beeindruckt, man fröstelt beim Zuschauen mit den durchgefrorenen Schiffsbrüchigen, die die Mitglieder des Ensembles „Das letzte Kleinod“ so glaubhaft auf der „Naturbühne“ unter freiem Himmel darstellen. Mit überschäumender Begeisterung stellen sie die Auswanderer dar, die voller Zuversicht und Hoffnung auf ein Leben in der „Neuen Welt“ blicken – und die sich dann mit letzter Kraft als Überlebende eines gestrandeten Schiffes retten und von den Bewohnern Spiekeroogs versorgt werden.

Ereignet hat sich diese Katastrophe im Jahr 1854, der Untergang der Bark «Johanne» war das Initial für die Gründung der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger. Bei der Katastrophe treiben erstmals Menschen als Strandgut ans Ufer, die dramatischen Szenen spielen sich direkt vor den Augen der mangels Rettungsmöglichkeiten hilflosen Insulaner ab.

   

   

Mit dem Theaterstück «Untergang der Johanne» ist auf Spiekeroog die Erinnerung an diese große Katastrophe der deutschen Passagierschifffahrt wach geworden. Hier, am Originalschauplatz, hat die Schauspielgruppe „Das letzte Kleinod“  das Ereignis inszeniert und gezeigt, wie dicht Hoffnung und Hilflosigkeit beieinander liegen können. Das Stück ist aus  mündlichen Überlieferungen und historischem Quellenmaterial entstanden. In Kirchenbüchern, Zeitungsartikeln und Gerichtsprotokollen finden sich zahlreiche Berichte über das Unglück. Außerdem sammelte das Theater mündliche Überlieferungen auf Spiekeroog Erzählungen und in Hessen. Realisiert wurde das Schauspiel am Spiekerooger Hauptstrand mit Unterstützung des Galerie und Künstlerhauses, unter Regie von Jens-Erwin Siemssen probte das Ensemble vier Wochen lang auf der Nordseeinsel.

   

Und dann endlich die Premiere: Zum Auftakt versinkt die Sonne in der ruhigen Nordsee. So kontrastiert die romantische Stimmung zunächst die Dramatik der Ereignisse. Doch mit aufkommender Abenddämmerung gewinnen sowohl Schauspiel als auch Naturkulisse an Dramatik. Die Darsteller ziehen das Zuschauer-Auge sofort in ihren Bann - trotz der grenzenlosen Weite des Strandes. Dabei verleiht der natürliche Theaterhimmel den Szenen eine ganz eigene Intensität. Während sich das Geschehen um die «Johanne» zur Katastrophe entwickelt, kommt Flut auf und schäumt Wellen über die bis dahin spiegelglatte Nordsee.

Mit dem Stück wird Geschichte lebendig: Noch heute, nur wenige Meter hinter dem Ort des Schauspiels, befindet sich die Original-Grabstelle der 70 Opfer der «Johanne». Die Schauspieler verleihen dem damaligen Engagement der Insulaner Gewicht und machen deren Leistung deutlich: Über Monate versorgten die Spiekerooger 146 Überlebenden der Katastrophe  - und damit mehr Menschen, als damals auf der Insel lebten. Eine Erinnerung, die auf Spiekeroog bis heute wach ist.